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Es schmerzt. Aber so richtig. Das Aufwachen an diesem Morgen hast du dir anders vorgestellt. Ohrenschmerzen «from hell», Juckreiz inklusive. Am liebsten würdest du dir eine Stricknadel ins Ohr stecken, um den Schmerz und das Jucken zu bekämpfen. Saublöde Idee, klar. Eine Tasse Neocitran, dann wird das schon wieder, denkst du dir. Doch die Beschwerden bleiben eine ganze Woche lang unverändert. Zeit für einen Besuch im Gesundheitszentrum.
In diesem Jahr bist du noch nicht zum Arzt gegangen. Du wirst den Besuch selbst berappen müssen. Deine Krankenkassen-Franchise? Auf den höchstmöglichen 2500 Franken. Das wird teuer – aber du gehst.
Der Besuch ist eine ambulante Behandlung, eine Übernachtung ist nicht nötig. Das Gesundheitszentrum rechnet über deine Krankenkasse ab und greift dafür wie die meisten Gesundheitsanbieter in der Schweiz – Spitäler, Ärzt:innen und weitere – auf eine Tarifstruktur zurück. Diese fungiert wie ein Preisschild für die verschiedenen Behandlungen und regelt Besonderheiten. So kann es sein, dass die Ärztin dein Ohr am Ende der Sprechstunde ein zweites Mal mit dem Ohrmikroskop untersucht, weil sie sich vergewissern will, die richtige Diagnose gestellt zu haben. Die Untersuchung darf sie dir trotzdem nur einmal in Rechnung stellen.

15 Jahre Arbeit für eine schlechte Lösung
Seit 2004 und noch bis Ende Jahr als Preisschild gültig ist TARMED. 15 Jahre benötigten die Vertragsparteien, um diesen Tarif zu erarbeiten. Die Verhandlungsseite der medizinischen Leistungserbringer vertraten der Ärzteverband FMH und H+, der Verband der Spitäler. Auf der anderen Seite stand santésuisse für die Interessen der Krankenkassen ein, ergänzt durch eine Vertretung der Unfallversicherungen.
Bald zeigte sich: TARMED hat ein Problem. Durch das «Einstimmigkeitsprinzip» ist er quasi unreformierbar. Nur wenn sich alle (!) am Tisch einig sind, können Änderungen beschlossen werden. Aber wann im Leben sind sich schon alle einig?
Für deinen Ohrenuntersuch bedeutet das: Sein Kostenverhältnis zu anderen medizinischen Leistungen ist seit über zwanzig Jahren unverändert. Zur Erinnerung: 2004 startete Mark Zuckerberg als Student ein Unternehmen namens Facebook. Der wissenschaftliche Fortschritt in der Medizin seither und damit einhergehende wirtschaftliche Veränderungen fanden keinen Weg in TARMED.
Dein Ohr schmerzt noch immer. Die Ärztin konnte eine akute Mittelohrentzündung, eine «Otitis media», diagnostizieren. Auch TARMED erhielt eine Diagnose. Sie lautete: veraltet, unflexibel, untauglich. In die Behandlung stürzten sich die FMH und curafutura, eine abgespaltete Gruppe von Krankenkassen, die sich «die innovativen Krankenversicherer» nannte. Der Patient TARMED wurde vorerst also nicht von allen Beteiligten therapiert. Die Spitäler und die aus curafutura-Sicht «nicht-innovative» santésuisse blieben aussen vor.
Das bundesrätliche Ultimatum
Wie wird aber nun deine Otitis media behandelt? Diese Frage interessiert dich eigentlich nur so halb. Der Schmerz, neuerdings von einem dumpfen Geräusch im Ohr begleitet, soll einfach weg. Der Politik, namentlich dem Bundesrat, ging es bei der Behandlung von TARMED ähnlich. Etwas plakativ lautete seine Forderung an die Tarifpartner: «Werdet euch einfach einig, verdammt! Sonst kommen wir und bestimmen einen Amtstarif, basta.»

Im Jahr 2021, zwei Jahre nach dem Start der TARMED-Operation, griffen mit santésuisse und H+ die fehlenden Akteure ins Geschehen ein. Endlich Zusammenarbeit? Fehlanzeige. Die beiden hatten eine eigene Lösung für das Problem bereit: die «Ambulanten Pauschalen», eine Form der Abrechnung, die das Rundumpaket einer Behandlung beinhaltet. Egal wie viele Medikamente, egal wie lange eine Operation dauert, egal welche zusätzlichen Aufwände: Die Behandlung kostet immer gleich viel, ein klassisches All-Inclusive-Angebot.
Die FMH und curafutura hatten ihr Tarif-Projekt währenddessen TARDOC getauft. TARDOC funktioniert ähnlich wie TARMED und besteht zu einem grossen Teil aus Zeittarifen. Der Zeitfaktor soll für Behandlungskosten nach wie vor eine Rolle spielen. Das Ziel des Tarifs: Medizinische Leistungen genauer abbilden, einfachere Handhabung bieten.
Wie weiter mit den zwei Varianten?
Es ist, wie wenn plötzlich eine gefühlte Hundertschaft an Ärzt:innen um dich herumsteht und dein Ohr begutachtet. Einig sind sie sich wohl bei der Diagnose, aber nicht bei der Behandlung deines Problems. Zwei Lösungen liegen auf dem Tisch. Eine dumme Situation für dich als medizinischer Laie.
Der Bundesrat fällte in der vergleichbaren Lage im Juni 2024 einen wegweisenden Entscheid: Die Ambulanten Pauschalen und TARDOC sollen gleichzeitig eingeführt werden. Das wäre, wie wenn alle Anwesenden dein Mittelohr zeitgleich behandeln wollten. Ohne Regeln führt dies zum Chaos und das Resultat wäre bestimmt nicht in deinem Sinn.
Um ein solches Chaos am 1. Januar 2026 zu verhindern, haben alle Tarifpartner die gemeinsame Organisation Ambulante Arzttarife (OAAT) ins Leben gerufen. Kleine Sidenote: curafutura und santésuisse haben sich neuerdings wieder lieb, seit Anfang Jahr sind sie zusammen als prio.swiss unterwegs. Die OAAT hat unter anderem festgelegt, wann TARDOC und wann die Ambulanten Pauschalen zum Einsatz kommen.
Für deine Otitis media bedeutet dies ab Neujahr: Dein erster Praxisbesuch mit dem Ohrenuntersuch wird über TARDOC abgerechnet. Verglichen mit TARMED kam es im neuen Tarif zu einigen Zusammenfassungen einzelner Positionen. Andererseits beinhaltet die Reform aber auch ein komplett neues Kapitel zur Hausarztmedizin. Damit erhofft man sich, Leistungen in diesem Bereich besser abbilden zu können und die Arbeit von Hausärzt:innen zu stärken.
Aus 62 wird 1 – die Ambulanten Pauschalen
Es hat sich leider herausgestellt, dass du nicht um einen operativen Eingriff herumkommst. An deinem Trommelfell muss der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist einen kleinen Schnitt vornehmen, damit die Entzündungsflüssigkeit abfliessen und dein Ohr heilen kann. Für diese Operation gehst du ambulant ins Spital. Nach wenigen Stunden bist du wieder zu Hause. Die sogenannte «Parazentese» rechnet das Spital «All-inclusive» über die Ambulanten Pauschalen ab.
Die festgelegten Tarife der Ambulanten Pauschalen beruhen auf Daten zwischen 2019 und 2021 aus mindestens vier Schweizer Spitälern. Deine Parazentese wirst du in Absprache mit dem Spezialisten ohne Narkose über dich ergehen lassen. Wie tapfer von dir! Knapp 700 Franken kostet der Eingriff. Das hat die OAAT aufgrund der Daten von 108 solcher ambulanten Behandlungen bestimmt. Die Grafik zeigt eindrücklich die Kostenspannweite des Datensatzes. Während die günstigste Parazentese ohne Narkose für etwas mehr als 200 Franken zu haben war, kostete die teuerste fast das Achtfache.

Um die Ambulanten Pauschalen einfacher handhaben zu können, gibt es nur noch 315 davon, unter TARMED handelte es sich um ein x-faches an Tarifpositionen. Das ist nur möglich, weil einige davon zusammengefasst wurden. Bei deiner Parazentese ist dies zwar nicht der Fall, aber es gibt zahlreiche Beispiele dafür.
In der Ambulanten Pauschale C08.30D hat die OAAT ganze 62 Eingriffe zu einer einzigen Position zusammenkombiniert. Ob du dir einen Knochen gebrochen oder ein Gelenk ausgerenkt hast, sei dies am Oberarm, an der Schulter, der Hüfte, am Ober- oder Unterschenkel, vielleicht auch am Sprunggelenk – die Behandlung kostet ab 2026 immer 3’515 Franken. Die Datenlage für diesen All-inclusive-Preis? Äusserst dünn, bloss 84 Fälle hat die OAAT berücksichtigt.
Auf diese Weise ein «korrektes» Preisschild für die einzelnen Ambulanten Pauschalen zu finden, ist herausfordernd, teilweise ist die vorgenommene Zusammenfassung sogar aus Laien-Perspektive zumindest fragwürdig.
Kritik von ärztlicher Seite
Zurück zu deinem Ohrenleiden: Du hast die Operation gut überstanden und bereits ein Tag danach gehen die Schmerzen und das Wummern spürbar zurück. Obwohl es dein Budget belastet, bist du froh, dein Gesundheitszentrum für den Untersuch aufgesucht zu haben.
Nicht nur du, auch der Bundesrat ist zufrieden mit der Operation, sonst hätte er die Tarif-Reform in der vorliegenden Form nicht genehmigt. Einige Beteiligte üben allerdings noch Kritik. Yvonne Gilli, die höchste Schweizer Ärztin spricht im CH-Media-Interview von Fehlern und Fehlanreizen. Verschiedene Fachgremien, so zum Beispiel «Swiss Orthopaedics», werfen der OAAT vor, sie gehe nicht auf ihre Anliegen ein. Sie befürchten, dass die Behandlungsqualität unter der Reform leiden werde, und beanstanden das wilde Zusammenkombinieren bei den Ambulanten Pauschalen.
Die Parazentese an deinem Mittelohr war ein Routineeingriff und darum so gut verlaufen. Der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist hat ihn schon unzählige Male durchgeführt. Kaum jemand würde die Tarif-Reform hingegen als Routinevorgang bezeichnen. Die kritisierten Fehler, Fehlanreize und Probleme bestehen wohl tatsächlich und der Tarifwechsel am 01.01.2026 wird kaum reibungslos vonstattengehen. Hier wartet aber ein Korrektiv auf: Es handelt sich um ein «lernendes System».
Flexibilität dank Mehrheitsprinzip
Im Gegensatz zu TARMED herrscht bei den neuen Tarifen kein Einstimmigkeits-, sondern das Mehrheitsprinzip. Wenn die Mehrheit der OAAT-Mitglieder eine Tarifposition aktualisieren will, wird diese angepasst. Die OAAT beschreibt in ihrer Roadmap, wie das neue Gesamt-Tarifsystem jährlich überarbeitet werden soll: Immer datenbasiert und immer mit dem Anspruch, eine Balance – im besten Fall eine Kombination – zwischen Wirtschaftlichkeit und einer qualitativ hochstehenden Gesundheitsversorgung zu schaffen. Das Prinzip der «Kostenneutralität» soll dabei sicherstellen, dass der Systemwechsel an sich nicht zu Mehrkosten im Gesundheitssystem führt, eine bundesrätliche Bedingung.
Eine Woche nach deiner Operation bist du nahezu beschwerdefrei, einzige kleine Einschränkung: Im Moment sollte noch kein Wasser ins Ohr gelangen. Ende gut, alles gut. Gilt das nach der Tarif-Revision aber auch für das Schweizer Gesundheitssystem? Auch dieses ist noch nicht ganz «wasserdicht». Die «Kostenneutralität» gilt nur für den Tarifwechsel, nicht für das gesamte Gesundheitswesen. Und Tarife sind nur ein Rädchen im ganzen System.
Wie geht es dir? Wann und warum hast du dich schon grauenhaft über unser Gesundheitssystem aufgeregt?

